Die vier apokalyptischen Reiter in der Beziehung
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Die vier apokalyptischen Reiter sind vier Muster im Streit, die der Paarforscher John Gottman so getauft hat: Kritik, Verachtung, Rechtfertigung und Mauern. In seinen Studien gingen sie mit früheren Scheidungen einher. Die oft zitierte Zahl, Gottman könne Scheidungen zu 93 % vorhersagen, hält einer Überprüfung allerdings nicht stand. Hier steht, was die Studien zeigen, was nicht, und was ihr im nächsten Streit anders machen könnt.
Die vier apokalyptischen Reiter kurz erklärt
Kritik. Ihr greift die Person an statt das Verhalten. „Du bist so unzuverlässig" statt „Ich habe mich geärgert, dass du nicht angerufen hast." Eine Beschwerde sagt, was dich stört. Kritik sagt, was mit dem anderen falsch ist.
Verachtung. Spott, Sarkasmus, Augenrollen, abfällige Spitznamen. Ihr redet von oben herab. Verachtung sagt: Ich bin besser als du. Sie trifft tiefer als jedes Sachargument.
Rechtfertigung. Ihr verteidigt euch, statt zuzuhören. „Ja, aber du hast doch auch…" Das fühlt sich im Moment fair an. Beim anderen kommt an: Dein Problem interessiert mich nicht, ich bin nicht schuld.
Mauern. Einer schaltet ab. Schweigen, wegschauen, aufs Handy starren, den Raum verlassen, ohne etwas zu sagen. Oft passiert das, wenn jemand innerlich so aufgewühlt ist, dass nichts mehr geht.
Die Bezeichnung stammt aus Gottmans Buch von 1994. Seine Fachartikel verweisen auf dieses Buch. Eine feste Reihenfolge, in der die Reiter angeblich aufeinander folgen, haben wir in den Artikeln aber nicht gefunden.
Was die Studien wirklich zeigen
79 Paare, 14 Jahre
Die wichtigste Studie zu den vier Reitern ist die von Gottman und Robert Levenson aus dem Jahr 2000. 1983 hatten sie 79 Paare aus Bloomington im US-Bundesstaat Indiana ins Labor geholt und gefilmt, wie sie über ein Streitthema sprachen. 14 Jahre später waren 22 Paare geschieden, also 27,8 %.
Die Scheidungen kamen in zwei Wellen. Neun Paare trennten sich im Schnitt 7,4 Jahre nach der Hochzeit, dreizehn erst nach 13,9 Jahren. Die frühen Scheidungen hingen mit den vier Reitern im Streitgespräch zusammen: bei den Männern Rechtfertigung, Verachtung und Mauern, bei den Frauen Kritik, Verachtung und Rechtfertigung. Die späten Scheidungen hingen mit etwas anderem zusammen, nämlich damit, dass positive Gefühle fehlten, besonders im Streit.
Das ist der Teil, der oft untergeht: Für die lange Strecke war fehlende Wärme auffälliger als offener Krieg.
Mehr Positives als Negatives
Mit denselben Paaren hatten Gottman und Levenson schon 1992 eine Auswertung nach vier Jahren veröffentlicht. Sie zählten in den Streitgesprächen positive Momente (zum Beispiel Zustimmung, Humor, ruhiges Beschreiben) und negative (zum Beispiel Kritik, Rechtfertigung, Abwertung). Paare, bei denen das Negative überwog, hatten sich in den vier Jahren öfter getrennt: 36 % gegenüber 17 %.
Die bekannte Regel, glückliche Paare hätten fünfmal so viele positive wie negative Momente, steht in dieser Studie nicht. Wir haben sie in keinem Fachartikel gefunden, den wir lesen konnten. Sie stammt aus Gottmans Büchern.
Die ersten drei Minuten
Sybil Carrère und Gottman haben 1999 die Streitgespräche von 124 frisch verheirateten Paaren ausgewertet. Laut ihrer Zusammenfassung ließ sich schon aus den ersten drei Minuten vorhersagen, wie es um die Ehe sechs Jahre später stand. Eine Trefferquote nennt die Zusammenfassung nicht. Die 96 %, die man im Netz liest, haben wir in keiner Studie gefunden.
Mauern und Gesundheit
In einer Studie mit 156 lange verheirateten Paaren aus der Gegend um San Francisco (Haase und Kollegen, 2016) wurden Streitgespräche gefilmt und die Paare 20 Jahre begleitet. Männer, die im Streit mehr mauerten, berichteten über die Jahre stärker zunehmende Beschwerden in Muskeln und Rücken. Männer, die mehr Ärger zeigten, mehr Beschwerden mit Herz und Kreislauf. Auch das ist ein Zusammenhang, kein Beweis.
Kann man eine Scheidung zu 93 % vorhersagen?
Die Zahl steht in der Zusammenfassung der Studie von 2000. Sie wurde an denselben 79 Paaren berechnet, aus denen die Formel stammt, und nie an neuen Paaren getestet. Das ist so, als würdest du eine Prognose für die Bundesliga aus den Ergebnissen der letzten Saison bauen und dann stolz melden, dass sie die letzte Saison fast perfekt vorhersagt.
Richard Heyman und Amy Smith Slep haben 2001 genau das geprüft. Sie haben Gottmans Vorgehen mit anderen Daten nachgebaut. Auf den Daten, aus denen die Formel stammte, lag sie zu 89,7 % richtig. Auf neuen Daten nur noch zu 69,3 %. Und von allen Paaren, denen die Formel eine Scheidung vorhersagte, trennten sich am Ende nur 28,8 %. Ihr Schluss: Es sei unklug, der Öffentlichkeit zu erzählen, man könne Scheidungen genau vorhersagen.
Dazu kommt ein Versuch, Gottmans Ergebnisse zu wiederholen. Kim, Capaldi und Crosby haben 2007 85 Paare in Oregon untersucht, viele davon aus schwierigen Verhältnissen, und die wichtigsten Befunde ließen sich dort nicht bestätigen.
Was bleibt: Die vier Reiter sind Muster, die in mehreren Studien mit Problemen einhergingen. Sie sind kein Test, der euch sagt, ob ihr zusammenbleibt.
Was ihr im Streit anders machen könnt
Die Gegenmittel unten stammen aus Gottmans Büchern und aus der Paarberatung. In den Studien oben wurden sie nicht getestet. Sie passen aber zu dem, was die Studien beobachtet haben.
Statt Kritik: sanft anfangen. Beginnt mit dem, was ihr fühlt und braucht, nicht mit dem, was der andere falsch macht. „Ich bin gestresst, weil die Küche voll ist, und ich brauche heute Hilfe" statt „Du räumst nie auf". Wenn die ersten Minuten den Ton setzen, lohnt es sich, gerade bei ihnen langsam zu sein.
Statt Verachtung: aussprechen, was ihr schätzt. Verachtung wächst, wenn sich Ärger lange sammelt und nie gesagt wird. Das Gegengewicht ist Wertschätzung, auch an Tagen ohne Streit. Ein konkreter Satz am Abend reicht: „Danke, dass du heute den Arzttermin für mich gemacht hast."
Statt Rechtfertigung: einen Teil übernehmen. „Stimmt, ich habe nicht angerufen. Das tut mir leid." Ihr müsst nicht alles zugeben. Ein Teil reicht, damit der andere sich gehört fühlt.
Statt Mauern: Pause mit Rückkehr. Wenn einer merkt, dass nichts mehr geht, ist eine Pause besser als stummes Aushalten. Wichtig ist, dass ihr sagt, wann ihr wiederkommt. Wie solche Pausenregeln aussehen, steht im Text über Streit in der Beziehung.
Wärme außerhalb des Streits. Die späten Scheidungen in der Studie über 14 Jahre hingen mit fehlenden positiven Gefühlen zusammen. Die entstehen kaum im Streit selbst, sondern an normalen Tagen: ein Witz, eine Frage, echtes Interesse daran, was den anderen gerade beschäftigt. Eine Frage am Tag, wie sie Wir2 euch stellt, ist ein kleiner Weg dahin. Ob sie gegen die vier Reiter hilft, hat niemand untersucht.
Fragen für einen ruhigen Abend
Sprecht an einem entspannten Abend über die vier Reiter. Mitten im Streit klingt jede Erwähnung wie ein Vorwurf. Zum Beispiel so:
- Welchen der vier erkennst du bei dir selbst am ehesten?
- Woran merkst du, dass du gleich dichtmachst?
- Was kann ich sagen, damit du dich in einem Streit nicht angegriffen fühlst?
- Gibt es etwas, das ich mache, das sich für dich herablassend anfühlt?
- Welcher unserer Streits ist am Ende eigentlich gut ausgegangen, und warum?
Wann ihr Hilfe holen solltet
Wenn Verachtung bei euch zum Alltag gehört, wenn einer sich ständig klein gemacht fühlt oder wenn ihr dieselben Streits seit Jahren führt, kann eine Paarberatung helfen. Wenn aus Verachtung Drohungen oder Gewalt werden, ist das kein Streitmuster mehr. Dann holt euch Hilfe, zum Beispiel beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen" unter 116 016.
Mehr über John Gottman und darüber, welche seiner bekannten Zahlen belegt sind, steht im Text über John Gottman. Praktische Wege aus einem laufenden Streit findet ihr unter Streit schlichten.
Quellen
- Gottman, J. M. & Levenson, R. W. (2000): The timing of divorce: Predicting when a couple will divorce over a 14-year period. Journal of Marriage and Family. Beobachtung mit Langzeitverlauf, 79 Paare. Volltext gelesen.
- Gottman, J. M. & Levenson, R. W. (1992): Marital processes predictive of later dissolution. Journal of Personality and Social Psychology. Beobachtung mit Langzeitverlauf, 73 Paare. Volltext gelesen.
- Carrère, S. & Gottman, J. M. (1999): Predicting divorce among newlyweds from the first three minutes of a marital conflict discussion. Family Process. Beobachtung mit Langzeitverlauf, 124 Paare. Zusammenfassung gelesen.
- Haase, C. M. et al. (2016): Interpersonal emotional behaviors and physical health: A 20-year longitudinal study of long-term married couples. Emotion. Beobachtung mit Langzeitverlauf, 156 Paare. Volltext gelesen.
- Heyman, R. E. & Slep, A. M. S. (2001): The hazards of predicting divorce without crossvalidation. Journal of Marriage and Family. Methodenkritik mit Archivdaten. Volltext gelesen.
- Kim, H. K., Capaldi, D. M. & Crosby, L. (2007): Generalizability of Gottman and colleagues' affective process models of couples' relationship outcomes. Journal of Marriage and Family. Wiederholungsstudie, 85 Paare. Volltext gelesen.
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