Wir2

John Gottman: was seine Studien über Paare zeigen

Aktualisiert:

John Gottman ist ein US-amerikanischer Psychologe, der seit den 1980er Jahren Paare im Labor beobachtet: wie sie streiten, wie sie reden, wie ihr Körper dabei reagiert. Aus dieser Arbeit stammen die „vier apokalyptischen Reiter", die „Bids" und die Gottman Methode für Paartherapie. Einige der bekanntesten Zahlen, die ihm zugeschrieben werden, stehen allerdings in keinem seiner Fachartikel, die wir lesen konnten. Hier steht, was belegt ist, was nicht, und was ihr davon trotzdem nutzen könnt.

Wer ist John Gottman?

Gottman hat ab den 1980er Jahren zusammen mit dem Psychologen Robert Levenson Paare ins Labor geholt. Die Paare sprachen über ein Streitthema, während Kameras liefen und Herzschlag, Schweiß und Bewegung gemessen wurden. Jahre später fragten die Forscher nach, wer noch zusammen war. Später kam ein Wohnungslabor in Seattle dazu, in dem Paare einen ganzen Tag verbrachten und gefilmt wurden.

Aus diesen Studien hat Gottman Bücher für Paare geschrieben. Am Gottman Institute hat er mit seiner Frau Julie Schwartz Gottman einen Ansatz für Paartherapie entwickelt, in dem das Institut Fachleute ausbildet.

Was John Gottmans Studien zeigen

Kleine Momente im Alltag: Bids

Ein „Bid" (englisch für Angebot) ist ein kleiner Versuch, Kontakt aufzunehmen: „Schau mal, der Vogel da", ein Witz, eine Hand auf der Schulter. Der andere kann sich zuwenden, ignorieren oder abweisen.

Janice Driver und Gottman haben 2004 49 frisch verheiratete Paare ausgewertet, die je 24 Stunden in einer kleinen Laborwohnung in Seattle verbracht hatten. Sie schauten sich zehn Minuten beim Abendessen an und zählten spielerische Bids und begeisterte Reaktionen darauf. Paare mit mehr solchen Momenten zeigten in einem späteren Streitgespräch mehr gemeinsamen Humor und mehr Zuneigung.

Zwei Details machen das ehrlicher. Die Momente waren selten, im Schnitt deutlich weniger als einer pro zehn Minuten. Und die Studie hat nur beobachtet, nicht verändert, also zeigt sie einen Zusammenhang, keinen Beweis. Die Autoren schreiben selbst, Paare bauten Nähe vermutlich über Hunderte ganz gewöhnlicher Momente auf, und nennen das eine vorläufige Stütze für ihre Theorie.

Streit: die vier apokalyptischen Reiter

In einer Studie mit 79 Paaren, die 14 Jahre begleitet wurden, hingen frühe Scheidungen mit Kritik, Verachtung, Rechtfertigung und Mauern im Streitgespräch zusammen. Späte Scheidungen hingen eher damit zusammen, dass positive Gefühle fehlten. Die Einzelheiten und die Kritik an dieser Studie stehen im Text über die vier apokalyptischen Reiter.

Wenn der Körper hochfährt

In einer 1985 veröffentlichten Studie haben Levenson und Gottman 30 Ehepaare bei einem Streitgespräch gemessen und 19 davon drei Jahre später wieder gefunden. Je stärker die Paare im Gespräch körperlich erregt waren (Puls, Schweiß, Bewegung), desto mehr sank ihre Zufriedenheit in den drei Jahren danach. Das ist eine sehr kleine Stichprobe. Sie ist aber der Ursprung der Idee, dass ein Streit kippt, wenn einer innerlich „überflutet" ist, und dass dann eine Pause hilft.

Was andere Forscher ergänzt haben

Gottmans Idee, dass Nähe in kleinen Alltagsmomenten entsteht, haben andere Teams mit anderen Methoden weiterverfolgt. Shelly Gable und Kollegen haben 2004 untersucht, wie Partner reagieren, wenn einer etwas Gutes erzählt. Bei 89 Ehepaaren ging eine begeisterte, interessierte Reaktion mit mehr Zufriedenheit und Nähe einher, ein lauwarmes „Schön für dich" dagegen mit weniger. Sara Algoe und Kolleginnen ließen 2010 67 zusammenlebende Paare 14 Abende lang Tagebuch führen: Wer an einem Tag Dankbarkeit für den Partner spürte, war am nächsten Tag etwas zufriedener mit der Beziehung.

Beides sind Beobachtungen, keine Experimente. Sie zeigen aber in dieselbe Richtung wie Gottmans Bids: Es sind die kleinen Reaktionen, die bei zufriedenen Paaren häufiger vorkommen. Mehr solcher Befunde, mit Quellen, stehen im Text Was macht eine gute Beziehung aus.

Drei Gottman-Zahlen, die oft falsch zitiert werden

„Paare, die zusammenblieben, wandten sich in 86 % der Fälle zu, geschiedene nur in 33 %." Diese Zahl steht in einem Blogbeitrag des Gottman Institute von 2015, ohne Quellenangabe. In den beiden Fachartikeln zu Bids, die wir gelesen haben (Driver und Gottman 2004, Gottman und Driver 2005), steht sie nicht. Vielleicht stammt sie aus einem seiner Bücher. Belegen konnten wir sie nicht.

„Glückliche Paare haben fünfmal so viele positive wie negative Momente." In der Studie von 1992, auf die das oft zurückgeführt wird, haben Gottman und Levenson positive und negative Momente gezählt. Paare, bei denen im Streit das Negative überwog, hatten sich in vier Jahren öfter getrennt: 36 % gegenüber 17 %. Ein Verhältnis von 5 zu 1 steht dort nicht. Die Richtung ist belegt, die Zahl stammt aus den Büchern.

„Gottman sagt Scheidungen zu 93 % voraus." Die Zahl steht in der Zusammenfassung einer Studie von 2000, berechnet an denselben 79 Paaren, aus denen die Formel stammt. Als andere Forscher dieses Vorgehen an neuen Daten nachgebaut haben, fiel die Trefferquote von 89,7 % auf 69,3 %, und nur 28,8 % der vorhergesagten Scheidungen trafen zu (Heyman und Slep, 2001). Eine Wiederholung mit 85 Paaren in Oregon bestätigte die wichtigsten Befunde nicht (Kim und Kollegen, 2007).

Das heißt nicht, dass Gottmans Arbeit wertlos wäre. Seine Beobachtungen zeigen Muster, die immer wieder auftauchen. Aus diesen Mustern wurden in Büchern und Vorträgen aber Zahlen, die genauer klingen, als die Forschung ist.

Was ist die Gottman Methode?

Die Gottman Methode ist ein Ansatz für Paartherapie, der auf diesen Beobachtungen aufbaut. Sie arbeitet unter anderem daran, dass Paare einander besser kennen, Wertschätzung zeigen und im Streit anders anfangen. Begriffe wie „Love Maps" (wie gut ihr die innere Welt des anderen kennt) stammen aus diesem Ansatz und aus den Büchern, nicht aus einer einzelnen Studie.

Eine kontrollierte Studie zu einem Programm aus dem Gottman-Umfeld konnten wir lesen: „Bringing Baby Home", ein Kurs für werdende Eltern. 136 Paare wurden zufällig in Kursgruppe und Vergleichsgruppe eingeteilt. Väter aus der Kursgruppe berichteten danach, die Aufgaben mit dem Baby gleichmäßiger zu teilen. Die Mütter berichteten keinen deutlichen Unterschied. Eine kontrollierte Studie dazu, ob die Gottman Methode die vier Reiter verringert, haben wir nicht gefunden.

Wenn ihr eine Paartherapie sucht, ist die Methode einer von mehreren seriösen Wegen. Wichtiger als das Etikett ist meistens, dass ihr euch bei der Person gut aufgehoben fühlt.

Was ihr heute Abend davon nutzen könnt

Diese Ideen sind keine bewiesenen Rezepte. Sie passen zu dem, was die Studien beobachtet haben, und sie kosten wenig.

  • Achtet auf kleine Bids. Wenn der andere sagt „Guck mal", schaut hin. Wenn er einen Witz macht, lacht oder antwortet. Diese Momente sind selten genug, dass jeder zählt.
  • Macht selbst ein Angebot. Erzählt eine Kleinigkeit aus eurem Tag, die keinen Zweck hat. Genau daraus entstehen Gespräche.
  • Fragt nach der inneren Welt des anderen. Was beschäftigt dich gerade? Worauf freust du dich diese Woche? Wovor hast du gerade ein bisschen Angst? Mehr solche Fragen findet ihr bei den Fragen für Paare.
  • Haltet im Streit etwas Positives am Laufen. Einmal zustimmen, wo der andere recht hat. Ruhig beschreiben statt anklagen. Ein Lachen zulassen, wenn es kommt.
  • Macht eine Pause, wenn der Puls hochgeht. Und sagt, wann ihr wiederkommt.

Eine Frage am Tag, wie bei Wir2, ist im Grunde ein festes kleines Angebot an den anderen: Jeder antwortet für sich, dann seht ihr beide Antworten und reagiert darauf. Ob das so wirkt wie die Bids in Gottmans Beobachtungen, hat niemand getestet. Es sorgt aber dafür, dass so ein Angebot jeden Tag einmal auf dem Tisch liegt.

Quellen

Wenn ihr jeden Tag ein kleines Angebot aneinander machen wollt, probiert Wir2 drei Tage kostenlos aus, ohne Zahlungsdaten.

Weiterlesen